WER BIN ICH UND WAS MACHE ICH HIER EIGENTLICH?!

WER BIN ICH UND WAS MACHE ICH HIER EIGENTLICH?!

EIN INTERVIEW – Ihr habt gefragt. Ich antworte.

 

WER BIST DU?
Ohje, gleich am Anfang wird es also erst einmal schön langweilig! Ok, gut: Ich heiße Anna, wohne in Würzburg und bin Wirtschaftsjuristin. Ich bin deshalb auch hauptsächlich für Unternehmen zuständig und viele würden mich wohl als eine Art „juristische Exotin“ bezeichnen.

 

WARUM „JURISTISCHE EXOTIN“?
Ich mache Dinge gezielt anders, arbeite innovativ und vor allem anwenderorientiert.

 

Bei mir steht also nicht diese „pure Rechtstheorie“ im Fokus, sondern die Menschen, die sich am Ende mit ihr herumschlagen und sie in die Praxis umsetzen müssen – und das sind eben (wer hätte es gedacht?!) ganz überwiegend Nicht-Juristen.

 

Deshalb bin ich z.B. absolut kein Fan von juristischer Fachsprache oder Komplexität, sondern stehe auf Einfachheit, Effizienz und Empathie. Ich entspreche auch definitiv nicht dem juristischen, förmlich-spießigen Stereotypen – und das ist auch gut so, denn von denen gibt es bereits genug. Ich möchte stattdessen nahbar wirken und eine Person sein, bei der man keine Angst haben muss, selbst die (vermeintlich) dümmsten Fragen zu stellen oder irgendwelche Probleme anzusprechen. Zudem bekomme ich immer so ein leichtes bis mittelschweres Kammerflimmern bei Sätzen wie „Das haben wir schon immer so gemacht“ oder „Das haben wir noch nie so gemacht“.

 

WIE BEZEICHNET MAN DAS, WAS DU MACHST?
Ich würde es ja liebend gerne „anwenderorientierte Rechtsgestaltung“ nennen, aber ich denke der Begriff „Compliance“ ist bekannter. Und das ärgert mich fast schon, weil Compliance heutzutage meist mit Korruption oder einer Art neumodischem Quatsch assoziiert wird. Dabei bedeutet Compliance übersetzt nichts anderes als „regelkonformes Verhalten“. Und das sagt schon aus, worum es dabei eigentlich geht: man hat irgendwo eine Regel, also die Theorie, die irgendwie in ein dementsprechendes Verhalten, also in die Praxis, umgewandelt werden soll. Ein Compliance Management hat also die Aufgabe, die Theorie in die Praxis zu verwandeln – und alles was dazwischen liegt, nennt sich Kommunikation.

Wenn jemand absolut keine Ahnung davon hat, was genau mein Job ist, erkläre ich ihn immer anhand der „FAHRSCHULLEHRER-METAPHER“:

Stellt euch vor, man würde euch die Straßenverkehrsordnung und die Betriebsanleitung eines Autos vorlegen und von euch würde erwartet werden, dass ihr diese lest und anschließend fehlerfrei Autofahren könnt. Wie absurd das doch wäre, oder?! Anstelle dessen gibt es aber einen Fahrschullehrer. Dieser kennt natürlich die StVO und weiß auch, wie genau ein Auto zu bedienen ist. Dennoch hilft er vielmehr dabei, dass diese Theorie auch praktisch angewendet werden kann und geht dabei auf Fragen und individuelle Probleme ein. Er verwandelt also die Theorie in die Praxis – durch Kommunikation. Und genau das mache ich. Nur eben in Unternehmen.

WELCHE PROBLEME LÖST DU?

Eigentlich bin ich überhaupt kein Fan davon, Probleme zu pauschalisieren, denn das erweckt schnell den Eindruck, es gäbe auch eine pauschale Lösung dazu. Und das wäre der Innovationskiller schlechthin! Aber natürlich gibt es gewisse „Klassiker“:

 

Auf Seiten des Managements sind das insbesondere Probleme, die sich bei der konkreten Umsetzung der abstrakten Gesetze ergeben. Das sind solche Dinge wie „Dürfen wir das so machen? Wie handhaben wir es in diesem Fall? Kann man das nicht einfacher gestalten?“. (Ich échauffiere mich beispielsweise regelmäßig darüber, wie absolut unpraktikabel Datenschutzvorschriften in die Praxis umgesetzt werden!) Aber man hört auch häufig solche Aussagen wie „Wir wissen nicht, was wir noch tun sollen. Hier eine Schulung, dort eine E-Mail und trotzdem halten sich die Mitarbeiter einfach nicht an das, was von ihnen verlangt wird. So schwer kann das doch nicht sein!“

 

Auf Mitarbeiter-Seite löse ich vor allem Probleme wie: „Ständig kommen die mit neuen Vorschriften an. Hier hat keiner mehr einen Überblick darüber, was wir tun sollen oder was wir nicht dürfen.“ „Die Regelungen sind ja schön und gut. Aber das funktioniert bei uns einfach nicht.“ Und mein absoluter Favorit: „Hö?! Das müssen wir machen? Davon haben wir noch nie etwas gehört!!!

 

WARUM DICH UND KEINEN VOLLJURISTEN?

Es muss nicht unbedingt ein „entweder-oder“ sein. Ich bin vor allem im wirtschaftlichen und auch medizinisch-wirtschaftlichen Rechtsbereich tätig. Ich bin quasi das Gesamtpaket für Rechtsfragen in Unternehmen und kann dazu – alle festhalten bitte – auch noch ein bisschen rechnen!

Ja ich weiß, Schande über mein Haupt! Denn:
„Juris non calculat“ = „Ein Jurist rechnet nicht“

 

Wo waren wir stehen geblieben? Achja! Manchmal gibt es allerdings Fälle, in denen man kein „Gesamtpaket“ braucht, sondern Spezialisten für bestimmte Rechtsgebiete – und da kann man sich unglaublich gut ergänzen. Der rechtlich spezialisiertere Volljurist kennt sämtliche Details und ich schaue dann, wie man das in die Praxis umsetzen und mit anderen, eventuell kollidierenden Rechtsbereichen vereinen kann.

 

Aber grundsätzlich hatte ich ja schon angedeutet, dass Compliance ein Schnittstellenbereich aus Wirtschaft, Recht und Kommunikation ist. Schnittstellen verursachen immer Komplexität, kosten Zeit, Geld und sind vor allem fehleranfällig. Diese Lücken kann ich als Wirtschaftsjuristin ausfüllen, weil ich eben nicht nur an die rechtliche, sondern auch die wirtschaftliche Seite denke und an alles, was die beiden letztendlich miteinander verbindet.

 

IST DEIN BERUF NICHT ZU TROCKEN?
Mein Job
ist es quasi, die (in der Tat) teilweise sehr trockenen Materien eben nicht trocken zu gestalten. Also ich kann auch gerne mal die europäische Geldpolitik anhand eines Senioren-Strick-Kurses oder die aktuelle gesellschaftsrechtliche Situation in der EU anhand eines Klassenzimmers erklären!

 

Und genau das liebe ich an meiner Arbeit! Ich musste mir mein ganzes Leben lang schon immer komplexe Sachverhalte so bildlich wie möglich vorstellen, um sie selbst wirklich verstehen zu können. Ich dachte immer, das sei eine Schwäche von mir, aber in der als trocken verrufenen Juristerei ist das zu einer meiner größten Stärken geworden: Ich kann komplexe Dinge einfach und bildlich erklären und gestalten.

 

KANNST DU DICH GUT IN NEUES EINARBEITEN?
Okay, hierzu eine äußerst unprofessionelle Geschichte: Im Rahmen meines Magisterstudiengangs hatte ich einmal ein Thema einer wissenschaftlichen Arbeit zugeteilt bekommen und musste zuhause erst einmal googeln, worum es dabei überhaupt geht! Mir kam das damals in etwa so vor wie bei diesen SAW-Filmen „Ich möchte ein Spiel spielen. Du hast 4 Wochen Zeit“. Nach einem kleinen Nervenzusammenbruch ging’s dann los und sowohl die Note, als auch der dazugehörige Vortrag (inkl. Fragerunde mit einem enorm interessierten, wissenschaftlichen Publikum!!!) waren überraschend gut. Also ja, ich denke, ich kann mich ganz gut und schnell in neue Gebiete und Thematiken einarbeiten 😉

 

WAS WÄRE DEINE 2. BERUFSWAHL GEWESEN?
Puuh, ich glaube damals sogar tatsächlich Chemikerin. Mittlerweile wäre es wohl sowas wie theoretische Physik oder so (das ist wirklich interessanter als man denken würde!!!), aber dafür reichen meine Mathematik-Fähigkeiten dann auch nicht aus. Also muss es wohl oder übel mit der Juristerei klappen! 😉

 

INWIEFERN BEHINDERT DICH / HILFT DIR DEIN ORDNUNGSTICK IN DEINEM BERUF?
Das muss wohl jemand gefragt haben, der mich ein bisschen kennt 😉 Also, Vorteil davon ist, dass ich immer strukturiert und organisiert bin und immer alles (wirklich alles!) finde, wenn ich es brauche. Behindern tut er mich allerdings, wenn ich z.B. bei Vorbereitungen ca. 10 FlipChart-Blätter verschwende, weil mein Schriftbild zum Rand hin enger wird oder ein „e“ mal scheiße aussieht.

 

BAUCHGEFÜHL ODER VERNUNFT?
BEIDES!
Das kann sich wahnsinnig gut ergänzen. Das Bauchgefühl gibt die Richtung vor, der Verstand erledigt den Rest und überprüft immer einmal wieder. Zudem finde ich eine gewisse Portion Fantasie und Intuition unglaublich wertvoll für Innovationen, denn damit kommt man an Stellen und Ideen, an die sich der Verstand nie hintrauen würde.

 

WIE GEHST DU MIT MISSERFOLGEN UM?
Also eigentlich sollte ich jetzt vermutlich etwas Unternehmertaugliches sagen wie in etwa „Es gibt keine Misserfolge. Es gibt nur Erfahrungen, aus denen man lernt.“ und dass mein „positives Mindset“ so ausgerichtet ist, dass ich für jeden Fehler zutiefst dankbar bin und so.

 

Aber mal Butter bei die Fische: Wenn bei mir etwas so richtig scheiße läuft, dann habe ich schlechte Laune, komme nach Hause, hocke mich auf die Couch, stelle erst einmal mein komplettes Leben in Frage und setze mich dann den nächsten Tag wieder an die Arbeit – allerdings mit einer ganzen Menge an Selbstzweifeln natürlich!

 

WAS IST FÜR NICHT-JURISTEN DAS SCHWIERIGSTE AN DER JURISTEREI?
Nicht nur für Nicht-Juristen sondern auch für Juristen vermutlich die unbestimmten Rechtsbegriffe. Teilweise werden in den abstraktgehaltenen Gesetzen solche Floskeln verwendet, wie z.B. „berechtigtes Interesse“ oder „wenn XYZ erforderlich ist“. Da wissen selbst Juristen oft nicht, was damit jetzt genau gemeint ist.

 

Das kommt dann immer auf den Einzelfall an. Und das ärgert „normale Leute“ natürlich enorm, weil sie deshalb häufig keine allgemeinen, verlässlichen Ansagen bekommen oder für eine Antwort auf eine simple Frage erst einmal mit dem Schildern der Situation in einem Zeitalter v.Chr. beginnen müssen. Das kostet Zeit und Nerven. Uns allen.

 

GAB ES EIN ENTSCHEIDENDES ERLEBNIS, DAS DEINE BERUFSWAHL BEEINFLUSST HAT?

Ich hasse Menschen und habe gerne Recht 😉

 

Natürlich nicht! Tatsächlich gab es da ein Erlebnis. Ich hatte in meinem Studium zwar schon Compliance als Schwerpunkt, aber meine Leidenschaft dafür erweckte das „Datenschutzdeckel-Dilemma“ an meinem zweiten Arbeitstag überhaupt:

 

Ich war in einer Abteilung, die sich u.a. eben mit Datenschutz befasste und nach einem kurzen Kennenlernen am ersten Tag stand am nächsten sogleich eine Begehung an. Das bedeutet, dass mein Vorgesetzter und ich überprüfen mussten, ob bestimmte Vorschriften richtig umgesetzt wurden. Wir kamen also am Ort der Kontrolle an und stellten sofort fest, dass der vorgeschriebene „Datenschutzdeckel“ (der z.B. vor unberechtigten Blicken von außen schützen soll) eben nicht auf den Abfalleimern angebracht war. Als ob ich naive Studentin alleine davon nicht schon entgeistert genug gewesen wäre, fragte ich meinen Vorgesetzten, seit wann die entsprechende Dienstanweisung denn schon bekannt wäre. Ich erwartete von ihm eine Antwort von ca. 2-3 Wochen, aber nein – „Seit 4 Jahren“. In diesem Moment war meine Desillusionierung dann perfekt und ich dachte mir daraufhin: „Anna, da studierst du jahrelang, kämpfst dich durch sämtliche Prüfungen und sitzt in Zukunft Tage oder Wochen an der Formulierung juristisch einwandfreier Anweisungen, damit du am Ende nicht einmal einen Deckel auf einen Mülleimer bekommst?!!“ Ja. Willkommen in der Realität. Aber die muss sich doch ändern lassen.

 

HAST DU EIN MOTTO ODER EINE ART „LEBENSWEISHEIT“?
Mittlerweile ganz klar: Nimm dich selbst mal nicht so ernst! 

 

Ich glaube, die meisten Probleme oder Ängste, die wir alle so haben, kommen daher, dass man sich viel zu viele Gedanken macht, die sich um einen selbst drehen. Weg damit. Kein Mensch auf dieser Welt nimmt dich so ernst, wie du dich selbst.

 

Und das beruhigt ungemein bei dem, was man tut und hilft einem dabei, einfach mal das zu machen, was man für richtig und wichtig hält.

 

Ich bin mir z.B. ganz sicher, dass der allergrößte Anteil der Personen, die ich mit diesem Interview rein theoretisch erreiche, nicht einmal darauf geklickt haben. Ein weiterer, riesiger Prozentsatz hat sich nicht mal annähernd alles durchgelesen, was ich hier so geschrieben habe. Dem nächsten Anteil ist es sowieso eigentlich vollkommen egal, was ich überhaupt mache und denkt in maximal 5 Minuten schon gar nicht mehr an mich. Und die klitzekleine, verschwindend geringe Gruppe, die sich alles durchgelesen haben sollte und die ich damit irgendwie positiv erreichen konnte, DAS sind dann auch genau diejenigen, die ich tatsächlich erreichen wollte und die ich brauche!